Die Leinafege

Zu jeder Jahreszeit verursachte das Wasser Schäden an den befestigten und unbefestigten Ufern, die der Stadtrat von Gotha beseitigen musste. Für die Instandhaltung der Mühlgräben, Rinnen, Teiche, Wehre und Fachbäume waren die Nutzer (Müller) verantwortlich. Die ständige Kontrolle des Leinakanals oblag den Wasserknechten, die auch kleinere Reparaturen übernahmen. Für diese Arbeiten erhielten sie vom Gothaer Stadtrat Arbeitsmittel, wie "Radeberre" (Schubkarre), Grabscheit, Haue, Schaufel, Picke und Stiefel.

Neben diesen ständigen Pflegearbeiten musste ein- bis zweimal im Jahr eine Leinafege, also gründliche Reinigung durchgeführt werden. Die Hauptfege fand in der Regel am Montag nach dem Johannistag, dem 24. Juni, und vor der Heuernte statt. Zu diesem Zeitpunkt fiel noch nicht so viel Arbeit in der bäuerlichen Wirtschaft an. Außerdem gab es im Juni öfter Gewitter, die einen schnellen Wasserzufluss nach der Reinigung garantierten. Die zweite und nicht so aufwändige Fege erfolgte im Herbst.

Vor der Leinafege musste das Wasser über die Abschlaggräben umgeleitet werden. Als es noch keine Wasserleitung gab, hatten die Gothaer vorzeitig Wasservorräte anzulegen, um im Falle eines Brandes erste Hilfe leisten zu können. So wurden Brunnenkästen, Kübel, Butten, Wassertragen oder Fässer gefüllt. Alle Anlieger am Kanal waren verpflichtet, sich an den Leinafegen zu beteiligen. Außerdem wurden zusätzliche Arbeitskräfte gewonnen und vom Stadtrat bezahlt. Für einen Streckenabschnitt waren für zwei Tage 15 bis 20 Arbeitskräfte notwendig. Zu Beginn der Fege beseitigten zwei Mann mit Haumessern störendes Gestrüpp an den Ufern. Die Leinafeger mussten ihr eigenes Werkzeug mitbringen. Sie schaufelten den Schlamm aus dem Kanalbett und warfen ihn auf die Uferböschung, auf das schaufelwurfbreite Landstück, das zum Kanal gehört. Auch heute noch arbeiten die Feger "gegen das Wasser", das heißt sie stehen immer im gesäuberten Kanalbett. Etwa 10 Prozent der Ufer sind mit Faschinen (Flechtzäunen) gefestigt, die ständig ausgebessert werden müssen. Andere Uferstellen werden mit Graspatzen, Holz, Steinen oder Erde verfüllt. Zum Abdichten von Sickerlöchern wird Ton verwendet.

Wasservogt und Wasserknechte beaufsichtigten die Fege. In der Instruktion für die Wasserknechte war festgelegt, dass sie dafür zu sorgen hatten, "Müßiggang und Faulheit" der Lohnarbeiter zu verhindern; alle sollten fleißig arbeiten. Gearbeitet wurde während der Leinafege von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Ein Tagelöhner verdiente 4 bis 5, ein Abhacker dagegen nur einen Groschen am Tag. Damit immer reichlich und sauberes Wasser in die Stadt floss, gab es für die Pflege besondere Regelungen. Als schriftliche Verordnungen sind sie aber erst seit dem 18. Jahrhundert überliefert. Der Leinakanal war in Streckenabschnitte eingeteilt, die jeweils in der Verantwortung eines Wasserknechts lagen. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, im Sommer wie im Winter dafür zu sorgen, dass das Wasser ungehemmt nach Gotha fließen konnte. Der Kanal musste also von Laub, Ästen, Schnee, Eis und Unrat ständig frei sein. Von den Wasserknechten wurde ein "stiller, nüchterner und gottseliger Lebenswandel" erwartet. Sie sollten treu, fleißig und pflichtbewusst sein. Zu ihren weiteren Aufgaben gehörte, wöchentlich zweimal den Kanal zu begehen, wenn geflößt wurde, sogar alle zwei Tage. Dabei hatten sie auf die Sauberkeit des Gewässers und besonders auf Uferbeschädigungen zu achten. Kleine Schäden mussten sie selber ausbessern, größere Schäden, die dem "Rat zum Nachteil gereichen könnten", hatten sie an das Gothaer Ratsbauamt zu melden. Außerdem oblag den Wasserknechten die "Pflege der Weiden und Linden" am Kanal.

Noch bis in die 50/60er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde jährlich das Kanalbett gereinigt. Heute erfolgt die regelmäßige Pflege durch den Gewässerwart und den Brunnenwart der Stadt Gotha sowie durch die Mitarbeiter in den Anliegergemeinden. Fegemaßnahmen wie in früheren Zeiten erfolgen nicht mehr. Einzelne Abschnitte am Leinakanalsystem wurden seit Beginn der 90er Jahre durch ABM-Kräfte saniert.

Lesen Sie bitte weiter in der Broschüre "Von Wasserknechten, Müllern, Gerbern und Leinafegern" von Dr. Helga Raschke. Die Publikation ist in der Reihe "Leinakanalsystem" erschienen und beim URANIA Kultur- und Bildungsverein sowie in allen Buchhandlungen des Landkreises Gotha erhältlich.