Landgraf Balthasar (1336-1406)

von Wolfgang Möller

Er ließ das Wasser nach Gotha führen

Unter dem Titel "Undankbare Nachwelt" stand im "Gothaischen Tageblatt" in der Woche vom 17.5. bis 23.5.1906 folgende Nachricht: "Landgraf Balthasar starb am 18. Mai 1406, heute vor 500 Jahren. Die dankbare Nachwelt hat diesen Todestag ohne irgend eine festliche Veranstaltung vorübergehen lassen, mögen diese Zeilen ein kleiner Gedenkstein für den wackeren Fürsten sein."

Hundert Jahre später sollte sich diese Ignoranz nicht noch einmal wiederholen. Am 13. Mai 2006 führten der Freundeskreis Leinakanal e.V. gemeinsam mit dem Gothaer Verein für Stadtgeschichte und Altstadterhaltung ein wissenschaftliches Kolloquium durch. Das Thema lautete: "Balthasar und die Erbauer der europäischen Kunstgräben" und war dem 600. Todestag des Thüringer Landgrafen gewidmet.

Referenten und Organisatoren des Balthasar-Kolloquiums am Haus der Versicherungsgeschichte in Gotha. Der 600. Todestag bot Anlass, Leben und Werk des Landgrafen aktuell zu beleuchten.

Balthasar hatte die Landgrafschaft Thüringen zu einem eigenständigen Gebilde und Gotha als Residenz ausgebaut und regierte in einer Zeit vieler Konflikte, Krisen und außergewöhnlicher Naturkatastrophen, wie Missernten, Pest, einer Heuschreckenplage und eines Erdbebens. Aber auch Fehden zwischen den Thüringer Grafen, die ihren Herrschaftseinfluss vergrößern wollten, bestimmten seine Regierungszeit. Zu den Schattenseiten gehört die Judenverfolgung, dabei wurde der Adel von den Schulden, die er bei den jüdischen Geldgebern hatte, befreit.

Machtstreben und Engagement für das Allgemeinwohl

Am 21. Dezember 1336 wurde er in Weißenfels geboren - Balthasar, Landgraf von Thüringen, zweiter Sohn des Mark- und Landgrafen Friedrich II. von Meißen ("der Ernsthafte", 1310-1349, reg. 1324-1349). Friedrich II. festigte die Wettiner Herrschaft durch seinen Erfolg im Thüringer Grafenkrieg (1342-1345). 1349 regierte Balthasar nach dem Tode des Vaters gemeinschaftlich mit seinen Brüdern Friedrich III. ("der Strenge", 1332-1381) und Wilhelm I. ("der Einäugige", 1343-1407) bis 1379 in den wettinischen Ländern (Regierungszeit von Balthasar: 1349-1379-1406). Balthasar hatte noch einen weiteren Bruder (Ludwig) und zwei Schwestern (Elisabeth und Beatrix). Der 18jährige Friedrich erhielt von Kaiser Karl IV. die Vormundschaft über seine drei Brüder auf zehn Jahre.

Balthasar

Die Brüder setzten die thüringisch-sächsische Bündnis- und Expansionspolitik ihres Vaters fort. Flankiert vom Ausbau der Landesverwaltungen und dem Engagement mit der Kirche stärkten sie die wettinisch-landgräfliche Machtentfaltung und erreichten dadurch eine optimale Position in Thüringen. Auch durch Balthasars geschickte Heiratspolitik konnte er seinen Machtbereich auf Städte, Ämter und Schlösser ausdehnen (1374 Ehe mit Margarethe von Hohenzollern und 1404 Ehe mit Anna von Sachsen). Balthasar baute die Burgen Grimmenstein (Gotha) und Tenneberg (Waltershausen) aus, erhob das Kloster Reinhardsbrunn zum Hauskloster der Thüringer Landgrafen und wies Reinhardsbrunner Ansprüche erfolgreich ab.

1383 erhielt er den Marktflecken Herbsleben (Vertrag von Chemnitz 13.11.1383) zum Lehen, wo er (1387-1406) verschiedene Neuerungen zum Wohle des Dorfes und der Bürger einführte (u.a. Modernisierung der Gerichtsbarkeit, Bau einer Mühle und einer Röhrenwasserleitung). 1391 stellte er den Heimbürgern und der Dorfschaft Land aus seinem Besitz zur Verfügung.

1394 besiegelte Balthasar den Anschluss des Dorfes Ibenhain an die Stadt Waltershausen durch den Burgmann vom Tenneberg Lutz von Farnroda. 1379 richtete er u.a. in Waltershausen eine Bannmeile zum Schutz des Handwerk, des Markt- und Bierbraurechts ein. Die Landgrafen Friedrich und Balthasar wiesen ihre Vögte zu Gotha, Tenneberg und Waltershausen an, dass nur das in den landgräflichen Städten gebraute Bier zum Ausschank kam. 1391 kaufte er den Herren von Laucha-Teutleben die "husunge vnd gebuwde" neben der Burg Tenneberg in Waltershausen ab, wo er oft während der Jagd im Thüringer Wald weilte, ließ die Burg ausbauen und wiederholt verpfänden.

1399 förderte er die Landgrafschaft Waltershausen durch einen Schiedsspruch gegen den Großen Kellner (= Abt) Diether Neckel, womit er Ansprüche des Klosters Reinhardsbrunn auf ein Marktprivileg für Friedrichroda und auf ein Wasserrecht zurückwies. Das Badewasser (Reinhardsbrunner Bach, Louffa) war schon vor Balthasars Zeiten zur Nutzung des Klosters umgeleitet worden. Im gleichen Jahr gab das Kloster Reinhardsbrunn eine Anleihe von 100 Schock Freiberger Groschen an den Landgrafen Balthasar. Das Kloster war in den vorangegangenen Jahren von Balthasar gefördert und als Hauskloster der Thüringer Landgrafen erhoben worden.

Am 18. Mai 1406 starb Balthasar auf der Wartburg und wurde in Reinhardsbrunn bestattet. Über seinem Grab wurde eine "Tumba" aufgestellt und 1407 der Thomasaltar errichtet. Nach der Schleifung des Klosters im Bauernkrieg wurden die Grabplatten der Landgrafenfamilie 1552 zur Festung Grimmenstein nach Gotha gebracht. In den folgenden Jahrhunderten wechselten sie mehrfach ihren Standort, bis sie 1952 in der Pfarrkirche St. Georg zu Eisenach (Balthasar verschollen) ihre letzte Bleibe gefunden hatten. Mit dem Tod seines Sohnes Friedrich starb die Balthasar-Linie der Thüringer Landgrafen wieder aus.

Vor der Vergessenheit bewahren

Infotafel in Schönau vor der Walde

Seine größte Tat, die bis in die heutige Zeit wirkt, war der Bau und die Erhaltung von Kunstgräben, wie der Badewasser-Mühlgraben in Waltershausen, die Röhrenwasserleitung in Herbsleben, der Helbekanal bei Weißensee und der Leinakanal von Schönau v.d.W. nach Gotha. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten floss durch die in der Mitte des 12. Jh. gegründete Stadt Gotha kein natürliches Gewässer. Nur der kleine Bach Wiegwasser, der westlich der Stadt in der Eschleber Flur entspringt und nach Norden in die Nesse abfließt, tangierte das mittelalterliche Gotha. 1366 bis 1369 wurden auf seine Initiative der Leinakanal und die Wallgräben von seinem Werkmeister Conradus von Gotha angelegt, um dem Wassermangel der Stadt Gotha, eine seiner Residenzstädte, entgegenzuwirken. 1378 wurde die Bergmühle in Gotha erstmals erwähnt; sie entstand wahrscheinlich schon mit dem Bau des Leinakanals.

1378 wurde auch in einem Schenkungsbrief des Ritters Heinrich von Ülleben erstmals die Ableitung des Mühlgrabens vom Badewasser von Schnepfenthal nach Waltershausen (um 1300) bezeugt. Das Dorf Wahlwinkel wurde durch die Befreiung des Marktzolls in Waltershausen für den teilweisen Verlust des Aufschlagwassers für seine Mühlen entschädigt. Der Ausbau und die Nutzung des Grabens wurde immer wieder in Zusammenhang mit Balthasar gebracht.

Das Andenken des fortschrittlichen Regenten wird im Gothaer Land auf verschiedenster, wenn auch zu geringer, Weise bewahrt, wie z.B. bei der Namensgebung von Straßen und Gaststätten (Landgraf-Balthasar-Weg in Gotha, Landgrafenweg und Baldrichstein auf dem Burgberg in Waltershausen, Hotel Landgraf und Restaurant Balthasar in Waltershausen). Im Jahr 2006 wurden der 600. Todestag und der 670. Geburtstag des Thüringer Fürsten begangen.

Seit 1994 findet als Höhepunkt des Gothardusfestes Anfang Mai in Gotha ein Streitgespräch zwischen Balthasar und St. Gothardus statt. St. Gotehardus oder Gotthard ist der Schutzpatron von Gotha und wurde in die Symbolik der Stadt aufgenommen (Stadtwappen). Er lebte von 961 bis 1038, war Abt des Klosters Hersfeld, später Bischof von Hildesheim und wurde 1131 heilig gesprochen. Balthasar wurde zum Stadtfest von 1994 bis 2005 von Knut Kreuch, dem jetzigen Oberbürgermeister, und ab 2006 von Clemens Festag, dem Schulleiter des Arnoldi-Gymnasiums, dargestellt.

Im Keller des Lucas-Cranach-Hauses Gotha am oberen Hauptmarkt befindet sich eine kleine Leinakanal-Ausstellung. Dort ist der Landgraf Balthasar nicht in Rüstung, wie auf der einzig überlieferten Abbildung, sondern in ziviler Kleidung dargestellt, um das wohltätige Wirken für seine Untertanen zu betonen.